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| Seltsamer Spazierritt
Ein Mann reitet auf seinem Esel
nach Haus und lässt
seinen Buben zu Fuß nebenher laufen. Kommt ein Wanderer
und sagt: „ Das ist nicht recht, Vater, dass Ihr reitet und lasst
Euren Sohn laufen; Ihr habt stärkere Glieder.“
Da stieg der Vater vom Esel herab
und ließ den Sohn
reiten. Kommt wieder ein Wandersmann und sagt: „ Das ist nicht recht, Bursche, dass du reitest und
lässest deinen Vater zu Fuß gehen. Du hast jüngere
Beine.“ Da saßen beide auf und ritte eine Strecke.
Kommt
ein dritter Wandersmann und sagt: „ Was ist das für
ein Unverstand, zwei Kerle auf einem schwachen Tiere? Sollte
man nicht einen Stock nehmen
und euch beide hinab jagen?“
Da stiegen beide ab und gingen
selbdritt zu Fuß, rechts
und links der Vater und Sohn und in der Mitte der Esel.
Kommt
ein vierter Wandersmann und sagt: „ Ihr seid drei kuriose Gesellen. Ist´s nicht
genug, wenn zwei zu Fuß gehen? Geht´s nicht leichter,
wenn einer von euch reitet?“
Da band der Vater dem Esel die
vorderen Beine zusammen, und der Sohn band ihm die hinteren
Beine zusammen, zogen
einen starken Baumpfahl durch, der an der Straße stand,
und trugen den Esel auf der Achsel heim.
So weit kann´s
kommen, wenn man es allen Leuten will recht machen. Johann Peter Hebel
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Der
Löwe
und die Maus
Es geschah, dass der Löwe weg ging und nach dem Menschen
suchte. Da lief ein kleines Mäuschen an seine Tatze,
das klein an Gestalt und zierlich an Aussehen war. Es geschah,
dass er sie mit Gewalt zerdrücken wollte. Da sagte die
Maus zu ihm: „ Zerdrück mich nicht, mein Herr, du Löwe!
Wenn du mich auffrisst, so wirst du davon nicht satt. Wenn
du mich aber frei lässt, so wirst du nach mir keinen
Hunger verspüren. Wenn du mir meinen Atem zum Geschenk
machst, so werde ich dir auch deinen Atem zum Geschenk machen;
wenn du mich vor der Vernichtung durch dich rettest, so werde
ich dich auch deinem Verderben entgehen lassen.“
Der Löwe lachte über
die Maus, und er sagte: „ Was willst du eigentlich tun? Gibt es denn jemanden
auf der Erde, der es mit mir aufnehmen könnte?“
Sie
leistete einen Eid vor ihm und sagte: „ Ich werde dich deinem Verderben an deinem Unglückstage
entgehen lassen.
Es geschah, dass der Löwe die Worte der Maus für
Scherz hielt. Aber er dachte: „Wenn ich sie auffresse
werde ich wirklich nicht satt!“ Darum ließ er
sie frei.
Es geschah, dass ein Jäger da war und mit einem Netz
Fallen stellt und eine Fallgrube für den Löwen
grub. Der Löwe fiel in die Grube hinein und er geriet
in die Hand des Menschen. Man wickelte ihn in das Netz ein,
fesselte ihn mit trockenen Riemen und band ihn mit frischen
Riemen.Es geschah, dass er betrübt in dem
Gebirge lag, und
es war die siebente Stunde der Nacht. Da ließ der Schicksalsgott
die kleine Maus vor den Löwen treten.
Sie sagte zu ihm: „Erkennst du mich nicht wieder?
Ich bin die kleine Maus, der du ihren Atem zum Geschenk gemacht
hast. Ich bin gekommen um es dir heute zu vergelten, und
ich will dich vor deinem Verderben retten, nachdem du Unglück
gehabt hast. Es ist etwas Schönes, demjenigen eine gute
Tat zu erweisen, der sie selbst getan hat.“
Die Maus legte ihr Maul an die
Fesseln des Löwen. Sie
durchschnitt die trockenen Riemen und durchnagte die frischen
Riemen, mit denen er gefesselt war. Da befreite sich der
Löwe von seinen Fesseln. Die Maus versteckte sich in
seiner Mähne, und er trug sie an diesem Tage ins Gebirge. Altägyptisch
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| Warum Hund und Katze
sich feind sind
Ein Mann und eine Frau hatten einen
goldenen Ring. Das war ein Glücksring, und wer ihn besaß, hatte immer
genug zu leben. Sie wussten es aber nicht und verkauften
den Ring für wenig Geld. Kaum war der Ring aus dem Hause,
da wurden sie immer ärmer und wussten schließlich
nicht mehr, woher sie genug Essen nehmen sollten.
Sie hatten
auch einen Hund und eine Katze, die mussten mit ihnen Hunger
leiden. Da ratschlagten
die Tiere miteinander,
wie sie den Leuten wieder zu ihrem alten Glück verhelfen
könnten. Schließlich fand der Hund einen Rat. „ Sie müssen den Ring wieder haben“,
sagte er zur Katze.
Die Katze sprach: “Der Ring
ist wohlverwahrt in einem Kasten wo niemand dazukann.“ „ Fange du eine Maus“, sagte der Hund. „Die
Maus soll den Kasten aufnagen und den Ring herausholen. Sag
ihr, wenn sie nicht wolle, so beißest du sie tot, dann
wird sie´s schon tun.“
Dieser Rat gefiel der Katze, und
sie fing eine Maus. Nun wollte sie mit der Maus zu dem
Haus, wo der Kasten stand,
und der Hund ging hinterdrein. Da kamen sie an einen großen
Fluss. Und weil die Katze nicht schwimmen konnte, nahm sie
der Hund auf den Rücken und schwamm mit ihr hinüber.
Die Katze trug die Maus zu dem Haus, wo der Kasten stand.
Die Maus nagte ein Loch in den Kasten und holte den Ring
heraus. Die Katze nahm den Ring ins Maul und kam zurück
zu dem Strom, wo der Hund auf sie wartete und mit ihr hinüber
schwamm. Dann gingen sie miteinander nach Hause, um den Glücksring
ihrem Herrn und ihrer Frau zu bringen.
Der Hund konnte aber
nur auf der Erde laufen; wenn ein Haus im Wege stand, so
musste er
immer drum herum. Die Katze aber
kletterte hurtig über das Dach und so kam sie viel früher
als der Hund und brachte den Ring ihrem Herrn.
Da sagte der
Herr zu seiner Frau: „Die
Katze ist doch ein gutes Tier, der wollen wir immer zu
essen geben und sie
pflegen wie unser eigenes Kind.“
Als nun der Hund zu Hause ankam,
da schlugen und schalten sie ihn, weil er nicht auch geholfen
habe, den Ring heimzubringen.
Die Katze aber saß beim Herd und schnurrte und sagte
nichts. Da wurde der Hund böse auf die Katze, weil sie
ihn um seinen Lohn betrogen, und wenn er sie sah, jagte er
ihr nach und wollte sie packen. Seit jenem Tage sind Hund und Katze miteinander feind. Chinesisch
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Allmähliche
Bekanntschaft
Der Fuchs hatte noch niemals einen
Löwen zu Gesicht
bekommen. Da wollte es der Zufall, dass ihm einer begegnete,
und es befiel ihn ein solcher Schrecken, dass er auf der
Stelle zu sterben vermeinte. Als er den Löwen das nächste
Mal traf, da war er zwar wiederum erschrocken, aber lange
nicht mehr so sehr.
Beim dritten Male endlich, als ihm der Löwe unterkam,
war er weder erschrocken noch hat er sich gefürchtet.
Ganz beherzt ist er zu ihm getreten und hat mit ihm geschwätzt
und ihm Geschichten erzählt. Die Fabel zeigt, dass die Dinge
oft gar nicht so grausam und schrecklich sind, wie sie
uns zuerst erscheinen; man
muss sie nur kennen und daran gewöhnt sein. Sebastian Brant
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| Katze
bleibt Katze
Dschi Yen hatte eine prachtvoll
schöne Katze zum Geschenk
bekommen und wollte dem Tier einen ganz besonderen Namen
geben. „ Ich möchte sie „Tiger“ nennen“,
sagte er zu einem Freunde. „ Ein Tiger“, meint dieser, „ist zwar ein
mächtiges Tier, aber doch nicht so gewaltig wie ein
Drache. Nennen wir sie „Drache“!“ „ Gewiss, der Drache ist mächtiger als der Tiger“,
sagte ein anderer, „doch ein Drache kann nicht bestehen
ohne Wolken. Du musst das Tier „Wolke“ nennen!“ „ Die Wolken können den Himmel bedecken“,
erklärte ein dritter, „bedenke aber, ein plötzlich
anbrechender Sturm vermag sie wieder zu verteilen. Nenne
sie „Sturm“!“ „ Eine Mauer“, fiel ihm ein vierter ins Wort, „ist
stark genug, um auch dem ärgsten Sturm zu trotzen. Nenne
sie doch „Mauer“!“ „ Hört!“ rief ein anderer. „Zugegeben,
eine Mauer ist stark! Ihr habt aber die Mäuse vergessen,
die sie unterhöhlen und sie zusammenstürzen lassen!
Nein, Freund, du musste die Katze „Maus“ nennen!“
Da begann der Hausherr herzlich
zu lachen. „Die Maus“,
rief er aus, „wird doch von der Katze gefressen! Da
kann ich ihr ja gleich den Namen „Katze“ lassen!“
Altchinesisch
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Besser klug als stark
Einen gewaltigen Krug erblickte
die durstige Krähe,
Der tief unten im Grund einiges Wasser enthielt.
Dieses bestrebt sie sich lang zur
ebenen Erde zu gießen,
Um den brennenden Durst sich zu vertreiben damit.
Doch da Gewalt nicht führte zum Ziel, so ergriff sie
entrüstet,
Wie es die List eingab, sonst nicht gesehene Kunst.
Steinchen warf sie um Steinchen hinein; und das niedrige
Wasser
Hob sich steigend und bot leicht zum Trinken sich dar.
Dieses bewies, wie viel edler die
Klugheit ist denn die Stärke,
Nämlich die Klugheit allein führte die Krähe
zum Ziel.
Avianus
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